Der White Russian aus The Big Lebowski

Manche Cocktails stehen für einen ganzen Lebensstil. Kaum einer tut das so sehr wie der White Russian aus The Big Lebowski.

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Gleich zu Beginn von The Big Lebowski sieht man Jeffrey im Supermarkt. Er nimmt einen Becher Sahne aus dem Regal, öffnet ihn, riecht daran und stellt ihn wieder zurück. Dann nimmt er einen anderen und bezahlt ihn mit einem Scheck über neunundsechzig Cent. Es ist 1991, Los Angeles, und eigentlich ist schon alles da: die Trägheit, der Alltag, der White Russian als einzige wirkliche Dringlichkeit des Tages.

Joel und Ethan Coen erklären ihre Figur nie. Sie zeigen einfach, wie sie sich einen Cocktail mixt, und das genügt. Im Laufe des Films bereitet Jeffrey mindestens neun davon zu, mit der Selbstverständlichkeit eines Menschen, der längst aufgehört hat zu überlegen, ob gerade der richtige Moment dafür ist. Mal benutzt er frische Sahne, mal nur Pulvercreme, und auch das reicht ihm. Die Reihenfolge der Zutaten verändert sich beinahe jedes Mal, aber das spielt keine Rolle: Von außen betrachtet ist der White Russian das Einzige, das in einer Geschichte konstant bleibt, die sich keine Sekunde lang beruhigt.

Brüssel, nicht Moskau

Der White Russian stammt nicht aus Russland. Er stammt aus Belgien. 1949 kreierte der Barkeeper Gustave Tops in der Bar des Hotel Metropole in Brüssel zwei Cocktails auf Basis von Wodka und Kaffeelikör zu Ehren von Perle Mesta, der amerikanischen Botschafterin in Luxemburg. Einer war dunkel und ohne Sahne, der Black Russian. Der andere war weiß und mit Sahne. Benannt wurden beide schlicht nach ihrer Farbe und dem Wodka. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges muss es ziemlich ironisch gewesen sein, einen Drink für eine amerikanische Diplomatin „russisch“ zu nennen.

Die ersten schriftlichen Spuren tauchten sechzehn Jahre später auf, 1965, in einer Anzeige des Boston Globe für Coffee Southern. Der Kaffeelikör suchte nach Gelegenheiten, konsumiert zu werden, und fand sie in den Diskotheken der siebziger Jahre, durch die sich der White Russian hindurchbewegte. Danach verschwand er fast zwanzig Jahre lang, bis ein Typ im Bademantel 1998 alles veränderte.

Der Film, der einen Cocktail rettete

The Big Lebowski erschien zu einem merkwürdigen Zeitpunkt. Der Film wurde eher kühl aufgenommen, galt als kleineres Werk innerhalb der Coen Filmografie und verwandelte sich erst mit der Zeit in etwas völlig anderes. Heute gehört er zu den langlebigsten Kultfilmen der modernen Kinogeschichte, steht bei Empire auf Platz dreiundvierzig der fünfhundert besten Filme aller Zeiten und wurde von der Library of Congress zur Archivierung ausgewählt. 2009 veröffentlichte die Indiana University eine Sammlung wissenschaftlicher Essays über den Film, und irgendwo zwischen diesen Texten tauchte fast zwangsläufig auch das Rezept des White Russian auf.

Die Coens schrieben die ersten vierzig Seiten in einem einzigen Anlauf und warteten danach auf neue Inspiration. Das Ergebnis ist eine Los Angeles Detektivgeschichte, die Chandler und Altman zitiert und sich zugleich nach der Logik eines Traums bewegt: deutsche Nihilisten, Pornomagnaten, Konzeptkünstlerinnen, Vietnamveteranen mit einer Obsession für Bowlingregeln. Und mittendrin ein träger Mann im Morgenmantel, der sich einen Cocktail mixt.

Jeff Bridges machte aus The Dude eine Art unbeabsichtigten Philosophen, der jede Dringlichkeit der Welt mit derselben ruhigen Gelassenheit zurückweist, mit der er sein Glas auf den Tresen stellt. Die Besetzung um ihn herum ist legendär: John Goodman, Steve Buscemi, Julianne Moore, John Turturro, Philip Seymour Hoffman. Aber Bridges hält alles zusammen. Zwischen solchen Schauspielern ist das alles andere als selbstverständlich.

Drei Zutaten, keine Eile

Der White Russian ist in seiner Konstruktion beinahe elementar. Fünf Zentiliter Wodka, zwei Zentiliter Kaffeelikör, zwei Zentiliter frische Sahne, Eis in einem niedrigen Tumbler. Zuerst kommt der Wodka ins Glas, dann der Kahlúa, dann die leicht geschlagene Sahne, die vorsichtig über das Eis oder über die Rückseite eines Barlöffels gegossen wird. Nicht umrühren. Der Drink soll geschichtet bleiben, Weiß auf Schwarz, Sahne auf Alkohol wie eine langsame Umarmung. Man sollte nichts daran beschleunigen.

Kahlúa ist die klassische Wahl, mit seinen Vanille und Zuckernoten, die die Härte des Kaffees abfedern. Wer es rauer mag, greift zu Caffè Borghetti. Wer nichts im Haus hat, kann sich mit Espresso, Rum und einem Löffel Honig einen improvisierten Kaffeelikör zusammenstellen und feststellen, dass das besser funktioniert als erwartet. Mit der Sahne sollte man respektvoll umgehen: nicht zu flüssig, nicht zu fest geschlagen, kalt genug, um auf dem Drink zu schweben, ohne darin zu verschwinden.

Es ist ein Cocktail für nach dem Essen, süß und weich, mit einem überraschend hohen Alkoholgehalt, der sich unter der Cremigkeit versteckt. Gerade weil er harmlos wirkt, trinkt man leicht zu viele davon. Auch darin ähnelt er seiner filmischen Schöpferfigur.

The Dude abides

Es gibt tatsächlich eine Kirche, die der Lebensphilosophie von Jeffrey Lebowski gewidmet ist. Sie heißt Church of the Latter Day Dude, ist konfessionslos und basiert auf einem einfachen Prinzip: Das Leben ist kurz und kompliziert, niemand weiß wirklich, was man damit anfangen soll, also hör auf, dir Sorgen zu machen, und bleib dir selbst und anderen treu. Der sogenannte Dudeismus ist vielleicht die großzügigste Interpretation des Films. Aber ganz falsch ist sie nicht.

Der White Russian ist das flüssige Symbol dieser Philosophie. Nicht weil er revolutionär wäre, sondern gerade weil er es nie sein will. Drei Zutaten, ein niedriges Glas, Eis. Keine Dekoration, keine demonstrative Technik, keine Eile. Ein Drink, der nichts beweisen muss und vielleicht genau deshalb bis heute geblieben ist.